DFG-Erkenntnistransferprojekt EBBS_rail (I3)

Haben stählerne Bahnbrücken ihre prognostizierte „Lebensdauer“ erreicht oder müssen sie an die steigenden Anforderungen des Eisenbahnnetzes angepasst werden, reagiert die DB InfraGO AG üblicherweise mit Abbruch und Neubau. Dabei gehen nicht nur in ökologischer und baukultureller Hinsicht wertvolle Ressourcen verloren. Ein Ersatzneubau ist häufig auch mit höheren Baukosten verbunden als die Weiternutzung des Bestands durch Ertüchtigung. Dies ist ein zentraler Aspekt angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die mit dem dringend erforderlichen Wieder-fit-Machen der Bahninfrastruktur in Deutschland verbunden sind. Das Neubau-Paradigma steht auf dem Prüfstand, zumal gerade in jüngerer Zeit in der Forschung innovative Maßnahmen entwickelt wurden, durch die sich historische Stahlbrücken an zukünftige Anforderungen anpassen und dabei zudem mit einem Ersatzneubau vergleichbare „zweite Lebensdauern“ erzielen lassen.

Wie aber lässt sich im konkreten Fall fundiert zwischen Erhalt und Ersatz entscheiden, ohne tradierte Denkmuster einfach fortzuschreiben? Und wie können dabei neben technischen und wirtschaftlichen Anforderungen auch baukulturelle Werte und ökologische Auswirkungen angemessen berücksichtigt werden, um den Eisenbahnbrückenbau nachhaltiger zu gestalten?

Diese Fragen sind Thema des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Erkenntnistransferprojekts „Entscheidungshilfe für den Umgang mit Bestands-Brücken aus Stahl im Netz der Deutschen Bahn AG“, kurz: EBBS_rail. Das 18-monatige Projekt ist am 1. August 2026 gestartet und wird unter Verantwortung von Univ.-Prof. Dr.-Ing. Werner Lorenz an der BTU Cottbus-Senftenberg in Kooperation mit der DB InfraGO AG durchgeführt. Die Projektleitung liegt bei Dr.-Ing. Clara Jiva Schulte. EBBS_rail ist mit dem DFG-Schwerpunktprogramm 2255 „Kulturerbe Konstruktion“ assoziiert.

Die wissenschaftlichen Grundlagen für EBBS_rail wurden im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Kulturerbe Konstruktion“ (SPP 2255) mit dem an der BTU angesiedelten Teilprojekt A2 „Stählerne Bahnbrücken als Erbe der Hochmoderne“ erarbeitet. Im Mittelpunkt stand die Entwicklung eines ganzheitlichen Bewertungsansatzes, mit dem unterschiedliche Handlungsoptionen für historische stählerne Bahnbrücken systematisch miteinander verglichen werden können. Ergänzend wurde eine Toolbox entwickelt, die Methoden und Maßnahmen zur vertieften Untersuchung, Bewertung und Ertüchtigung bestehender Stahlbrücken bündelt und damit die Entwicklung tragfähiger Erhaltungsoptionen unterstützt. Bewertungssystem und Toolbox wurden anhand von vier Fallstudien aus dem Netz der Deutschen Bahn erprobt. Neben den jeweils realisierten Lösungen wurden dabei alternative Erhaltungs- und Ertüchtigungsvarianten entwickelt und vergleichend bewertet. Die Untersuchungen zeigten, dass gut entwickelte bestandsorientierte Lösungen bereits unter vorwiegend technisch-wirtschaftlichen Randbedingungen häufig mit Ersatzneubauten konkurrieren können. Werden zusätzlich baukulturelle und ökologische Kriterien berücksichtigt, gewinnen sie weiter an Bedeutung.

Mit EBBS_rail sollen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nun gemeinsam mit der DB InfraGO AG in die Praxis übertragen werden. Ziel ist es, die im Vorgängerprojekt in ihren Grundzügen bereits entwickelte Entscheidungshilfe zu einem praxistauglichen Instrument auszubauen, um künftig bestandsorientierte Lösungen frühzeitig und systematisch als dem Ersatzneubau gleichwertige Handlungsoptionen in Planungs- und Entscheidungsprozessen zu verankern. Im Mittelpunkt stehen die Überprüfung und Kalibrierung des Bewertungssystems an drei Pilotprojekten im Netz der Deutschen Bahn, die Weiterentwicklung der Toolbox sowie die Erarbeitung und Erprobung von Schulungsformaten für Mitarbeiter*innen der DB InfraGO AG. An konkreten Brückenbauwerken, bei denen die Entscheidung über Erhalt, Ertüchtigung oder Ersatz noch aussteht, soll untersucht werden, wie sich die entwickelten Ansätze unter realen Randbedingungen anwenden lassen und an welchen Stellen Anpassungsbedarf besteht. Anforderungen und Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen der DB InfraGO AG sowie aus Planung und Denkmalpflege fließen dabei kontinuierlich in die Weiterentwicklung ein. Die Toolbox soll dabei als praxisorientierter Werkzeugkasten Methoden, Maßnahmen und Erfahrungen für den Umgang mit bestehenden Stahlbrücken bündeln. Sie soll Verantwortliche insbesondere dabei unterstützen, die Möglichkeiten des Bestands frühzeitig und systematisch zu untersuchen, geeignete Erhaltungs- und Ertüchtigungsmaßnahmen zu identifizieren und daraus belastbare Varianten für die weitere Planung zu entwickeln. EBBS_rail verfolgt damit nicht nur das Ziel, eine konkrete Entscheidungshilfe für historische Stahlbrücken bereitzustellen. Das Projekt soll zugleich positive Beispiele dafür schaffen, welchen Mehrwert eine frühzeitige gemeinsame Entscheidungsgrundlage und die frühe Einbindung aller relevanten Akteur*innen für den Umgang mit bestehenden Brücken bieten können. Langfristig soll dies dazu beitragen, Erhalt und Ertüchtigung stärker als gleichwertige Handlungsoptionen zum Ersatzneubau in Planungs- und Entscheidungsprozessen zu verankern und damit einen nachhaltigeren Umgang mit dem bestehenden Brückenbestand zu fördern.

Ergebnisse der Anwendung des Bewertungssystems auf vier Fallstudien im Rahmen des Vorgängerprojekts (Schulte 2025)

Schaubild zu Aufbau und Beteiligten im Erkenntnistransferprojekt EBBS_rail (DFG Websiter, bearbeitet)

Vorgesehene Arbeitspakete in EBBS_rail

Pilotprojekt 1: EÜ Salomon-Heine-Weg in Hamburg. Baujahr 1939 (Screenshot von Google Street View)

Projektdaten
Laufzeit: 01.08.2026 bis 31.01.2028
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Kooperationspartner: DB InfraGO AG
Assoziiert mit dem DFG-Schwerpunktprogramm 2255 „Kulturerbe Konstruktion“

Team Wissenschaftspartner
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Werner Lorenz
Dr.-Ing. Clara Jiva Schulte
Ahmed Hassan
Annelie Weiß

Team Anwendungspartner
DB InfraGO AG, OE V.IIP 23
Verena Bärwolf
Clara Hanfland
Michelle Spindler

Veröffentlichungen
– Werner Lorenz und Clara Jiva Schulte: EBBS_rail – Entscheidungshilfe für den nachhaltigen Umgang mit historischen stählernen Bahnbrücken. Teil 1: Grundlagen; Teil 2: Fallstudien.” Stahlbau 95 (4): 281–301. https://doi.org/10.1002/stab.7011, https://doi.org/10.1002/stab.70119

Weiterführende Informationen
Projektwebsite EBBS_rail

Weitere Teilprojekte

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