Sendehalle Europe 1
Die Himmelsschale von Berus

Ansicht von West, um 2016. Foto: INIK, MKA3421

Ansicht im ersten fassbaren Entwurf Jean-François Guedys, 23. März 1954. Foto: Archiv Berus, Gemeinde Überherrn

Ansicht im Ausführungsentwurf, 27. Juli 1954. Foto: IFA, Fonds Laffaille, dossier... Doc. SV-18-04-18-03

Aufbau der Dachdecke nach Laffaille im Sommer 1954: Die Betonschale ist lediglich 5 cm dick, die Spannglieder mit je zwölf Drähten à 5 mm sollen unmittelbar auf der Heraklith-Dämmschicht liegen. Foto: Archiv Berus, Gemeinde Überherrn

Verlegen der Bewehrung gemäß der Planung von Laffaille im August 1954: Die Arbeiter verbinden die Hüllrohre der Spannglieder mit den darüber liegenden Matten der leichten Querbewehrung. Foto: L’Architecture d’aujourd’hui 26.1955, H. 58

Seit 1976 gehörte das Sendezentrum Europe 1 mit insgesamt vier 280 m hohen Langwellen-Sendemasten zu den weltweit stärksten Rundfunksendern. Foto: unbekannt

Sechs massive Zugbänder queren heute unter der Dachschale den Raum (Aufnahme 2017). Foto: Werner Lorenz

Die Untersicht unter die heutige Dachdecke zeigt die paarweise auf Abstandshaltern angeordneten externen Spannglieder von 1982; in der Decke erkennbar sind die verbliebene schlaffe Bewehrung von 1955 sowie Abdrücke der Hüllrohre der alten Spannglieder (Aufnahme 2017). Foto: Werner Lorenz
Mehr als zweieinhalbtausend Quadratmeter ohne jede Stütze, darüber schwebend eine geschwungene Schale, gut 80 m weit gespannt und doch nur 5 cm dick: Geradezu paradigmatisch steht die Sendehalle von Radio Europe 1 für ein Konstruieren, dem kaum noch Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Exemplarisch offenbart ihre dramatische Konstruktionsgeschichte aber ebenso die Schattenseiten hochmoderner Ingenieurbaukunst – die Verführungskraft des Leitbilds größtmöglicher Leichtigkeit, das fortschrittsblinde Verkennen möglicher Risiken und nicht zuletzt die verstörende Hybris, sich allzu sicher und frei von Fehlern zu wähnen.
Clip: Werner Lorenz, Bernard Espion: Die Sendehalle von Radio Europe 1 in Berus. Berlin 2021.
Film: Die Sendehalle von Radio Europe 1 in Berus
Bauwerk
Der Bau der Halle ist mit den beiden bedeutendsten Pionieren des französischen Schalenbaus verbunden. Für Bernard Laffaille jedoch wird sie zum Ort seiner größten Niederlage: Im September 1954 zerreißt das von ihm konzipierte Schalentragwerk noch während des Baus. Im Frühjahr 1955 gelingt Eugène Freyssinet mit einem veränderten Konzept die Vollendung. Doch auch seine „Rettung der Halle“ erweist sich als wenig nachhaltig: 1980 steht das filigrane Flächentragwerk neuerlich kurz vor dem Versagen. Erst im dritten Anlauf entsteht 1982 die heutige, verlässlichere Konstruktion.
Konstruktion
Der herzförmige Grundriss wird von einer gegenläufig gekrümmten Fläche überdeckt, deren geneigte Achse von 9,50 m vorn auf ca. 4,50 m auf der Rückseite abfällt. Eingehängt ist sie in zwei zur Achse spiegelgleiche Stahlbeton-Randbögen, um sie zu sichern, queren sechs mächtige vorgespannte Zugbänder den Raum. Die Schale selbst ist in ihrer dritten Fassung nur noch „Totlast“: Für den Lastabtrag ist heute allein die 1982 ergänzte dicht gestaffelte Unterspannung zuständig.
Zukunft
Ende 2015 beendete Radio Europe 1 den Betrieb der Sendehalle. Sie ging in den Besitz der Gemeinde über. Die künftige Nutzung und die damit verbundene Frage der Trägerschaft sind ungewiss; erste Konzepte liegen vor. (WL)
Eckdaten
- Lage: Ittersdorfer Straße, 66802 Überherrn, Ortsteil Berus
- Bauzeit: [a] 1954, [b] 1954/55, [c] 1980–82
- Tragwerksplanung: [a] Bernard Laffaille mit René Sarger, Büro C.A.P.E.M., Paris, [b] Eugène Freyssinet und Yves Guyon, STUP, Paris, [c] Pierre Xercavins, Büro Europe Etudes Gecti, Clichy, für Freyssinet International, Boulogne Bilancourt
- Gesamtplanung: Jean-François Guédy mit André Nejavits-Méry, Paris
- Ausführung: [a] Saar Bauindustrie AG, Saarlouis; STUP, Paris; Dillinger Hüttenwerke AG, Dillingen, [b] Saar Bauindustrie AG, Saarlouis; STUP, Paris, [c] Freyssinet International, Boulogne Bilancou
- Denkmalstatus: Eintrag in die Denkmalliste des Saarlands 1999
Zum Weiterlesen
Axel Böcker und Rupert Schreiber: „La Cathédrale des ondes – die Kathedrale der Wellen“. In: Die Denkmalpflege 74 (2016), Nr. 1, S. 70–78
Deutscher Werkbund Saarland (Hg.): Das Europe 1 Sendezentrum im Saarland, Berus-Überherrn (Resonanzen; 2). Merzig 2020
Werner Lorenz und Bernard Espion: Die Sendehalle von Radio Europe 1 in Berus (Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland; 28). Berlin 2021
Weblinks
Werkbund Saarland, Reihe Resonanzen
Institut für aktuelle Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar
Ministerium für Bildung und Kultur im Saarland
Weitere Info
Das Bauwerk ist Thema im Teilprojekt Gealterte Hochmoderne in Stahlbeton (B3).