Im Fokus der ersten vier Jahresthemen des DFG-Schwerpunktprogramms „Kulturerbe Konstruktion“ (SPP 2255) standen wichtige Einzelaspekte hochmodernen Konstruierens und seiner uns überantworteten Zeugnisse – zunächst das Leitbild des Bauens an den Grenzen des Möglichen, im Folgenden dann Fragen nach Authentizität, Materialität und bautechnischer Ertüchtigung dieses nicht einfachen Erbes. Das fünfte und letzte Jahresthema richtet den Blick nun explizit auf künftige Möglichkeiten eines achtsamen Umgangs und dessen Voraussetzungen: Welche neuen Methoden und Optionen für eine aussagekräftige Befundung, effektive Bewertung und angemessene Instandsetzung und Ertüchtigung zeichnen sich ab? Wie lassen sich die im SPP 2255 aufgebauten Formen einer konstruktiven Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Ingenieurwissenschaften und Denkmalpflege für die Praxis ausbauen und verstetigen? Und nicht zuletzt: Welche neuen Schwerpunktsetzungen sollten in den Ingenieur- und Architekturstudiengängen etabliert werden, um das Bewusstsein für Bedeutung, Wert und Herausforderungen des Kulturerbes Konstruktion bereits in der Ausbildung zu bestärken – und so nicht nur dessen fachöffentliche, sondern auch die gesellschaftliche Wertschätzung nachhaltig zu verbessern?
Perspektiven für Befundung, Bewertung, Instandsetzung und Ertüchtigung
Die beginnende Infragestellung hochmodernen Fortschrittsdenkens in den 1970er und -80er Jahren war verbunden mit der Wiederentdeckung der lange missachteten Werte des gebauten Bestands. Aus der neuen Hinwendung zum Alten resultierte ein rasch wachsendes Interesse sowohl an wissenschaftlich fundierten Methoden der Zustandsbewertung als auch an spezifischen Techniken der bestandsspezifischen Intervention. 1983 richtete die International Association for Bridge and Structural Engineering (IABSE) als internationale Dachorganisation der Bauingenieure in Venedig erstmals eine allein dem Umgang mit dem historischen Erbe gewidmete Tagung aus, 1987 nahm dann mit dem SFB 315 „Erhalten historisch bedeutsamer Bausubstanz“ ein erster, explizit der Bauwerkserhaltung gewidmeter Sonderforschungsbereich der DFG die Arbeit auf. Der in Karlsruhe angesiedelte Forschungsverbund war Ausdruck und zugleich Impulsgeber einer Entwicklung, die in den folgenden Jahrzehnten zur intensiven Auseinandersetzung mit historischen Baustoffen und ihren Schädigungsprozessen, einer beeindruckenden Vielzahl zerstörungsfreier und -armer Prüfverfahren (ZfP/ZaP) sowie innovativen Lösungen für Reparatur, Instandsetzung und Ertüchtigung führte.
40 Jahre später ist diese Entwicklung nicht etwa abgeschlossen. Inzwischen „klassisch“ gewordene Methoden werden verfeinert und erweitert, zugleich neue, werkstoffübergreifende Schwerpunkte gesetzt. So zeichnen sich gegenwärtig auf dem Gebiet der Automatisierung von Befundung, Bewertung und Überwachung – wie etwa durch Laserscanning, Structure-from-Motion-Technologien oder Bauwerks-Monitoring – bemerkenswerte Fortschritte ab. Vor allem aber dürften in naher Zukunft auch für das Bauen im Bestand im Allgemeinen und die Denkmalpflege im Besonderen mit Digitalen Zwillinge oder Building Information Modeling (BIM) Planungstools nutzbar und üblich werden, die sich im Neubaubereich bereits etabliert haben. Sie eröffnen neue Möglichkeiten einer datenbasierten Befundung und versprechen effizientere Planungs- und Entscheidungsprozesse.
Verbesserung der Kommunikation und Kooperation zwischen Ingenieurpraxis und Denkmalpflege
Nach wie vor bestimmen verbreitet Misstrauen und Unverständnis das Verhältnis zwischen Bauingenieurwesen und Denkmalpflege und stehen einer fruchtbaren Zusammenarbeit am Baudenkmal im Wege. Ein wirkmächtiges Hindernis bilden dabei die unterschiedlichen Fachkulturen mit ihren je eigenen Sprachen, Denkweisen, Bewertungsmaßstäben und Prioritätssetzungen. Teilweise stehen sie sich geradezu antagonistisch gegenüber – was dem/der Einen als authentisches Zeugnis einer vergangenen Epoche gilt, ist dem/der Anderen schlicht ein technischer Mangel, der behoben werden muss. Wie können sie produktiv miteinander in Austausch treten und gemeinsam verantwortete, gute Lösungen realisieren?
Gefordert ist hier von allen Beteiligten zunächst die Offenheit und auch Geduld, sich auf die Deutungsrahmen und Wertsetzungen des jeweils anderen respektvoll auf Augenhöhe einzulassen. Doch eine verbesserte Kommunikation und Kooperation darf nicht nur projektbezogen verstanden werden. Es gilt, sie strukturell und dauerhaft zu verankern, gemeinsame Kommunikationsräume und Entscheidungsstrukturen zu schaffen und zu institutionalisieren. Das Ziel ist eine neue, integrative Kultur der Bauwerkserhaltung, in der technische Kompetenz, denkmalpflegerische Weisheit, historische Verantwortung und gesellschaftliches Bewusstsein zusammenfließen.
Neue Akzente in Studium und Ausbildung
Es ist nahezu absurd: Weit mehr als die Hälfte der Bauleistungen werden in Deutschland schon seit langem im Bestand erbracht, zudem sind im Zeichen der „Nachhaltigkeitswende“ im Bauwesen Forderungen nach einer neuen Umbau-Kultur, die durch „repair and reuse“ gekennzeichnet ist, in aller Munde – und doch sind die meisten Studiengänge des Bauingenieurwesens in Deutschland nach wie vor fast ausschließlich auf den Neubau ausgerichtet. Allenfalls randständig werden Kernaufgaben der Befundung, Bewertung, Instandsetzung und Ertüchtigung des Bestandes und die dafür heute zur Verfügung stehenden, zum Teil hochkomplexen Verfahren behandelt, und selbst ein Grundkurs zur Bautechnikgeschichte findet sich in nahezu keinem Lehrplan. Wie sollen junge Ingenieurinnen und Ingenieure, die nie etwas über die historische Entwicklung der Baukonstruktionen gehört haben, angemessen mit ihnen umgehen können?
Für einen gleichermaßen sachkundigen wie wertschätzenden Umgang mit dem Bestand im Allgemeinen und dem Kulturerbe Konstruktion im Besonderen ist die Ausbildung von zentraler Bedeutung. Nur wenn die Vermittlung der notwendigen Grundlagen zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Ingenieur- und Architekturstudiengänge wird, kann er nachhaltig in der alltäglichen Praxis verankert werden. Es ist an der Zeit, den Paradigmenwechsel vom Neubau zum Um- und Weiterbauen endlich auch in der Hochschullehre aufzugreifen und abzubilden. Dabei sollte eine solche Neuausrichtung nicht nur die Entwicklung historischer und technischer Kompetenzen im Auge haben, sondern auch die Schärfung des Bewusstseins für den kulturellen, ästhetischen und gesellschaftlichen Wert des baulichen Erbes – verbunden im Übrigen mit innovativen Lehrformaten und Vermittlungsmethoden.
Wandel ermöglichen
Nicht zuletzt muss die Frage nach den grundsätzlichen Bedingungen und Möglichkeiten von Wertewandeln in Baupraxis und Bauindustrie gestellt werden. Wie lassen sich in langen Traditionsketten verankerte und als Routinen etablierte Planungspraktiken aufbrechen und neu ausrichten? Diese übergreifende Frage ist nicht nur in Hinblick auf das baukulturelle Erbe, sondern mehr noch angesichts der unverzichtbaren Wende zu einem neuen, nachhaltigen Bauen hochaktuell. Ein solcher Wandel kann nicht durch moralische Appelle oder technische Innovationen ermöglicht werden, sondern benötigt auch die bewusste Gestaltung sozialer Strukturen. Die praktischen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis werden auf der Denkwerkstatt 2026 des SPP 2255 “Zukunft erhalten” vom 22. bis 24. April 2026 in München präsentiert und diskutiert.

